Andreas Ehlert und Stefan Golißa im Düsseldorfer Betrieb Bedachungen Golißa
HWK Düssedorf
Im Düsseldorfer Dachdeckerbetrieb von Stefan Golißa: Kammerpräsident Ehlert (hinten) mit dem Betriebsinhaber an der Abkantmaschine.

Kommunen: Mehr Augenmerk auf Standortbedingungen

Pressemitteilung Nr. 18 vom 8. Mai 2017

Handwerkskammer befragte Unternehmen nach Standortzufriedenheit

Das Handwerk boomt; die Kapazitäten der meisten Branchen sind annähernd voll ausgelastet. Vor allem in Ballungszentren, in denen eine zunehmende Konkurrenz mit anderen Nutzungen auftritt, haben Betriebe Standortprobleme teils durch vermehrte Nutzungskonflikte, teils durch Schwierigkeiten bei der Suche nach alternativen Standorten. Vor diesem Hintergrund hat die Handwerkskammer Düsseldorf kurzfristig eine Umfrage zur Standortzufriedenheit durchgeführt. Dabei wurden insgesamt 1894 Mitgliedsunternehmen nach dem nach der Situation an ihrem Standort befragt. 198 Firmen (Rücklaufquote 10 %) beteiligten sich.

„Die Ergebnisse der Umfrage sind vorsichtig zu interpretieren, da sich tendenziell größere Betriebe mit Standortproblemen angesprochen fühlten, während kleinbetrieblich geprägte Firmen aus der Branchengruppe der personenbezogenen Dienstleistungen mit ihrem geringeren Flächenbedarf unterrepräsentiert sind. Dennoch lassen sich aus diesem Stimmungsbild einige Anhaltspunkte für eine mittelstandsorientierte Standortpolitik ableiten“, ordnete Kammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Axel Fuhrmann auf einer Pressekonferenz am Montag in der Landeshauptstadt die Ergebnisse der Erhebung ein. „Wohnungsbau ist wichtig, aber nicht alles. Die Städte und Kreise müssen sich ihrer Verantwortung für gute Entwicklungsbedingungen für die ansässige Wirtschaft wieder bewusster werden. Die Pflege des Gewerbebestandes ist eine Kernaufgabe der kommunalen Selbstverwaltung.“

Fuhrmann: Bestehende Gewerbeflächen sichern, neue ausweisen

Ein Sechstel der befragten Handwerksbetriebe hat nach eigenen Angaben an ihrem derzeitigen Standort mit Nutzungskonflikten zu kämpfen, z.B. mit Streit mit der Nachbarschaft über Immissionen, mit einer heranrückenden Wohnbebauung, die solche Konflikte für die Zukunft erwarten lässt oder mit einer anstehenden Überplanung, die den weiteren Verbleib der Firma gefährdet. Entsprechende Rückmeldung gaben vor allem die Bau- und Ausbauhandwerke. Etwa ein Sechstel der befragten Betriebe gab an, in Industrie- oder Gewerbegebieten ansässig zu sein, fast zwei Drittel der befragten Betriebe dagegen in Mischgebieten. „Entsprechend stark ist das Handwerk darauf angewiesen, dass in den Mischzonen bau- oder umweltrechtliche Nutzungseinschränkungen und Nutzungskonflikte durch heranrückende Wohnbebauung möglichst vermieden werden“, betonte Fuhrmann.

Prägend verantwortlich für die Zukunftsfähigkeit der Handwerksstandorte sind die Kommunen. Das Zeugnis der Betriebsinhaber für die Städte und Gemeinden fällt gemischt aus: Acht von zehn sind mit der Erreichbarkeit ihres Firmenstandorts mit dem Fahrzeug zufrieden oder sehr zufrieden. „Ein Verbot von Dieselmotoren im Stadtverkehr würde jedoch zu einer unmittelbaren Beeinträchtigung von existenzieller Qualität führen“, merkte Fuhrmann an. Überwiegend gute Noten erhielten auch die Faktoren Städtebauliche Qualität des Standortumfelds und Erreichbarkeit durch ÖPNV. 40 Prozent der Betriebe sind dagegen mit der Höhe der kommunalen Gebühren und Steuern unzufrieden. Niedrig fällt auch der Anteil der zufriedenen Betriebe aus, wenn es um die Verfügbarkeit von Gewerbeflächen, das Preisniveau für Gewerbeimmobilien und um die Qualität der kommunalen Verwaltung geht.

Unterm Strich gibt jedes sechste Handwerksunternehmen an, sich derzeit nach einem neuen Standort umzusehen. Die Gründe für den Verlagerungswunsch sind durchaus vielfältig und bei weitem nicht alleine auf bestehende oder drohende Nutzungskonkurrenzen am bisherigen Firmensitz beschränkt. Wichtige Gründe für eine Verlagerungsabsicht sind die Verfügbarkeit von Gewerbeflächen am neuen Standort, eine gute Verkehrsanbindung, ein ausreichendes Parkplatzangebot und eine bessere digitale Infrastruktur. Gesucht werden Gewerbeflächen, die geeignete Erweiterungs- und Modernisierungsmöglichkeiten bieten und ein erträgliches Preisniveau bei Kauf oder Pacht, eine gute Anbindung über das Straßennetz und ausreichend Stellflächen. Auch die digitale Infrastruktur wird von mehr als einem Drittel der verlagerungswilligen Betriebe als Grund für den Umzugswunsch genannt. Eine gute Breitbandversorgung ist - neben der Straßenverkehrsanbindung, die 9 von 10 Befragten für wichtig oder sehr wichtig halten – mittlerweile ein Standortfaktor von Spitzenbedeutung.

Ein Umzug an einen anderen Standort ist allerdings in vielen Fällen kein tatsächlich gangbarer Weg. Fast jeder zweite Betrieb, der wechseln will, kann seinen Umsiedlungswunsch aus Mangel an verfügbaren Flächen aktuell nicht realisieren. Ein weiteres Drittel macht geltend, dass Standorte zwar verfügbar, aber nicht bezahlbar seien.

Zumindest für das Ruhrgebiet liegen dank einer detaillierten Analyse der Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr konkrete Zahlen vor. So reichen die tatsächlich nutzbaren Flächenreserven ohne Altlasten und andere Restriktionen z.B. in Mülheim noch für 2,74 und in Duisburg noch für 2,93 Jahre. Fuhrmann: „Solche Zahlen sind besorgniserregend, denn sie zeigen auf, dass in einigen Kommunen ein echter Engpass besteht!“

Nur ein Viertel aller Betriebe, die einen Standortwechsel erwägen, sind bereit, ihren Sitz aus der bisherigen Standortgemeinde hinaus zu verlagern. Denn annähernd jedes dritte befragte Unternehmen ist an seinen derzeitigen Standort gebunden, weil es einen überwiegend lokalen Kundenstamm aus einem Umkreis von 10 Kilometern bedient. Es handelt sich hierbei in der Regel um Firmen mit Ladengeschäft, die personenbezogene Dienstleistungen erbringen (z.B. Friseure, Maßschneiderateliers oder Goldschmiede) oder als Augenoptiker, Hörgeräteakustiker oder Betreiber eines Sanitätshauses im Gesundheitshandwerk tätig sind: Diese Selbstständigen arrangieren sich so lange es eben geht mit den Gegebenheiten am alten Ort. Etwa die Hälfte der Betriebe hat ausweislich der nichtrepräsentativen Kammerumfrage ihre wichtigsten Kunden in einer mittleren Entfernung von 10-30 Kilometern.

Etwas mehr als Hälfte der Betriebe nutzen ihren Hauptstandort als Mieter, etwas weniger als die Hälfte als Eigentümer. Mietverhältnisse dominieren deutlich in sogenannten Ladenhandwerken. Erwartungsgemäß ist der Eigentümeranteil im kreisangehörigen Raum höher als in kreisfreien Städten.

Die gewichtete durchschnittliche Größe der handwerklichen Gewerbeflächen beträgt 1031 Quadratmeter. Der Medianwert liegt bei 300 Quadratmetern, Personenbezogene Dienstleistungen haben mit durchschnittlich unter 100 Quadratmetern die kleinsten Gewerbeflächen. „Damit wird deutlich, dass ein Großteil des Handwerks Gewerbeflächen von überschaubaren Größenordnungen nutzt bzw. benötigt“, hielt Fuhrmann fest. „Die Anforderungen der Handwerksbetriebe an ihre Standorten sind ausgesprochen vielfältig, und es ist wichtig, dass jeder einzelne Betrieb für seine besonderen Zwecke einen entwicklungsfähigen Standort erhalten bzw. finden kann.“

Dennoch mehren sich in der Betriebsberatungs-Abteilung der Kammer die Fälle, in denen Kommunen neue Areale suchenden Handwerksbetrieben eine Absage erteilten. „Natürlich ist der Flächenbedarf pro Beschäftigte in einer Werkstatt höher als in einem Büro-Turm. Das darf aber nicht dazu führen, dass Gewerberaum nur nach dem Kriterium der Arbeitsplätze je Quadratmeter vergeben wird. Es geht um die Entwicklungsmöglichkeiten eines ganzen Wirtschaftssektors, der in der Wertschöpfungskette und für die Versorgung mit Dienstleistungen vor Ort unverzichtbar ist“, rückte Fuhrmann Datenlage und Marktpraktiken in einen größeren Zusammenhang.

Konkret mahnt die Handwerkskammer an, Gewerbegebiete insbesondere für emittierende Betriebe zu sichern, dort nicht nur Verwaltungs- oder Büronutzungen zuzulassen und Gewerbelagen nicht durch Überplanung oder heranrückendes Wohnen zu verschlechtern. Darüber hinaus ist das Handwerk in seinen Entwicklungsmöglichkeiten auf neue, pass- und marktfähige Gewerbeflächen durch Neuausweisung zwingend angewiesen“, appellierte Kammer-Hauptgeschäftsführer Fuhrmann an die Kommunen. „Wir dürfen keinen Betrieb hängen lassen.“

Alexander Konrad, Pressesprecher Handwerkskammer Düsseldorf HWK Düsseldorf

Alexander Konrad

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